Nina William Écrivaine

 

Ich schreibe gerne Kurzgeschichten. Ich liebe es, viel in einen kurzen Text zu packen. Dabei kommt es mir vor wie beim Rucksack oder Koffer packen, möglichst viel mitnehmen, ohne zu überfüllen.

 


Der Weg, den du noch gehen musst

Lebe in Frieden, las ich einmal irgendwo. Es war gerade zu der Zeit, als mich hier alles ankotzte. Verzeihen Sie mir, lieber Leser diesen Ausdruck, aber ich finde keinen anderen. Alles ging schief, meine Ehe, Probleme im Job, das Geld war auch bachab gegangen und ich fühlte mich in jeder Beziehung ausgelaugt. Lebe in Frieden. Ja, wo war das denn, dieses „Frieden“? Ich suchte auf der Landkarte. Ich suchte und suchte und fand es nicht. Vielleicht sollte ich einfach drauflos fahren? Eine Freundin antwortete mir auf meine Frage, ob sie wisse, wo Frieden genau liege und wie viele Kilometer es bis dorthin wären, sie wisse es nicht, aber es müsse sehr weit weg sein.
Ich machte mich auf den Weg. Viele Kilometer hatte ich schon hinter mich gebracht, viele Menschen befragt, aber Frieden hatte ich noch nicht gefunden. Niemand wusste, wo Frieden war. Manche antworteten mir, sie hätten auch schon danach gesucht. Vergeblich.
Aber ich wollte nicht aufgeben. Schliesslich war doch da gestanden: Lebe in Frieden. Und das wollte ich finden, um jeden Preis, Frieden.
Ich fuhr weiter und weiter. Von einem Land zum anderen. Und überall fragte ich nach Frieden. Die Menschen schüttelten immer den Kopf. „Frieden?“, fragten sie, „wo haben Sie davon gehört?“
Das begann ich mich auch zu fragen. Wo hatte ich nur davon gehört? Doch ich war überzeugt, irgendwo auf dieser Welt musste es Frieden geben. Ich musste dieses Irgendwo finden. Es war zu wichtig für mich. Lebensnotwendig.
Auf dem langen Weg der Suche nach Frieden begegnete ich einer alten Frau. Sie ging langsam, gebückt an einem Stock, der Strasse entlang. Ich hielt an. Dann stand ich vor ihr. Sie hob den Kopf. „Gegrüsst seist du, mein Kind“, sagte sie und lächelte mich an. Sie war alt, sehr alt. „Was suchst du denn hier?“, fragte sie mich, „du scheinst schon lange auf Reisen zu sein, du siehst müde aus.“
„Ich suche Frieden. Wissen Sie, wo ich Frieden finde?“ fragte ich sie, einen Hoffnungsschimmer in meinem Herzen spürend. Diese alte Frau musste es doch wissen.
„Ja, mein Kind, ich weiss es schon, ich bin auf dem Weg dahin. Und ich werde bald dort sein. Aber für dich ist der Weg noch sehr, sehr weit. Für dich ist die Zeit noch nicht gekommen. Geh zurück, dorthin, woher du kommst. Dort ist ein Weg, den du noch gehen musst, lange bevor du Frieden finden kannst.“

Nina William 2010

 

Der Weg des Lebens

Ich laufe und laufe auf dem steinigen Weg des Lebens, immer in der Hoffnung, mein Ziel zu erreichen. Manchmal ist es greifbar nahe, doch dann komme ich wieder vom Weg ab. Falle hinunter die Böschung, reibe mir die Hände auf, und die Knie. Immer rappele ich mich wieder auf, um zurück auf den Weg zu kommen. Manchmal werde ich vom Wind gestossen. Er bläst in meinen Rücken und ich komme schneller vorwärts. Vorbei an fruchtbarer Erde, vorbei an zerstörten Wäldern. Vorbei an Wasser. Dem Elixier des Lebens. Wasser, welches aber auch den Tod bringen kann. Vorbei an wunderschönen Häusern, vorbei an elenden Hütten.
Ich laufe und laufe, ohne Ruhe. Ruhe darf ich mir nicht mehr gönnen. Dazu habe ich keine Zeit mehr. Vorwärts, nur vorwärts. Und wie dankbar bin ich dem Wind, wenn er mich schneller weiterträgt.
Er flüstert mir verführend zu: „Komm mit mir. Mit mir kommst du schnell voran.“
Und dann breitet er seine Flügel um mich und ich fliege mit ihm durch das Leben.
Doch, er trägt mich so hoch durch die Lüfte, ich kann den Weg meines Lebens nicht mehr sehen.
„Ich habe meinen Weg verloren“, klage ich, „lass mich frei“.
„Oh nein, das werde ich nicht“, sagt er nur, höhnisch lächelnd.
„Was habe ich getan! Warum habe ich mich von dir verführen lassen!“
Sein Lächeln wird zu einem grausamen Lachen, seine Flügel verzerren sich, ein Zischen und Pfeifen dringt durch die Luft und ich falle. Doch wunderbar weiche Flügel fangen mich auf.
„Keine Angst“, höre ich ein Flüstern, „ich bringe dich auf den Weg zurück.“
„Wer bist du?“, frage ich erstaunt.
„Ich bin der Gegenwind, ich bin hier, um Menschen wie dich zur Vernunft zu bringen. Sieh doch, wie du vom Weg abgekommen bist. Du wolltest schneller gehen und dir keine Zeit nehmen. Ruhelos jagst du nach deinem Ziel. Doch dein Ziel kannst du nur erreichen, wenn du Schritt für Schritt vorwärts gehst.“

Nina William 2014



Die Rose

Jugendlich. Sie schaute sich im Spiegel an und zog eine Grimasse. Jugendlich, was soll’s. Das war schon lange vorbei. Vor wenigen Stunden hatte sie vierundfünfzig Kerzen ausgeblasen. Die rosaroten Kerzen auf dem hellgrünen Marzipankuchen, der ihre Tochter zu ihrem Geburtstag gebacken hatte. Das war am Mittag gewesen. Jetzt war es Abend. Ihre Tochter war gegangen mitsamt ihrer kleinen Jungmannschaft.
„Die Kinder müssen heute früh ins Bett“, hatte Mireille gesagt. Laura war das recht. Sie hatte nämlich ganz andere Pläne als sich mit diesen drei Bengelchen abzugeben. Heute war schliesslich ihr Tag. Und den Abend dieses Tages wollte sie nun geniessen. Nach zwei Stunden im Badezimmer war sie bereit. Fast nicht wieder zu erkennen. Sie wollte etwas tun gegen die erdrückende Einsamkeit dieses Geburtstagsabends.
Einen hellgrauen Tailleur – passte sehr gut zu den kurzen grauen Haaren – eine rote Bluse mit Stehkragen wie aus den sechziger Jahren mit Audrey Hepburn, schwarze Stöckelschuhe mit Bleistiftabsatz, ein Tupfer Opium hinter die Ohrläppchen und in die Ellenbogenbeuge, dezentes Make-up – vor vielen, vielen Jahren, als sie noch jung war, hatte sie einen dreitägigen Kosmetikkurs besucht -, und die sündhaft teure schwarze Handtasche von Lacoste.
Einen letzten Blick in den Spiegel, den Mund zu einem Kuss geformt, den sie der eleganten Dame im Spiegel zu warf, dann drehte sie den Schlüssel der Appartementtür. 

Es war ein lauer Sommerabend. Dementsprechend duftete auch die Luft in ihrer Stadt. Nach Parfüm, gutem Essen, nach der grossen Welt.
Im Winter riecht es draussen nie so. Haben Sie, lieber Leser, dies schon einmal bemerkt?
Laura stöckelte der Seine entlang. Nicht nur auf Montmartre, auch hier gab es Kunstmaler. Einer porträtierte auf Wunsch sogar Vorbeispazierende.
„Ein Porträt, Madame, ein Porträt für Sie!“, rief der Eine, und bot ihr einen wackeligen Stuhl an.
Bevor sie sich versah, sass sie auf dem Stuhl.
„Wunderbar Madame, wunderbar.“
Der Mann nahm seine Palette in die Hand und begann auf ein Blatt zu pinseln, schaute sie an, lachte sie an, pinselte wieder. Dann pinselte er, als müsse er einen Schlussstrich ziehen, unten rechts einen kleinen Strich und setzte noch seine Initialen dazu.
Er riss das Blatt ab und überreichte es der überraschten Laura. Sie hatte kaum hingesehen, während der Maler sie porträtierte. Sie hatte sich plötzlich grauenhaft gefühlt. Ja, sie hatte Angst. Angst vor der Wahrheit. Angst vor den Augen anderer. Er sah sie sicher, wie sie wirklich war. Mit traurigen Augen und von Fond-de-Teint verdeckten Runzeln. Sie hatte sich sehr Mühe gegeben heute Abend im Badezimmer. Und mit dem Resultat war sie zufrieden gewesen.
„Gefällt es Ihnen?“, fragte der Maler und holte sie aus ihren Gedanken.
Laura lachte. „Ja, es gefällt mir, aber das bin doch gar nicht ich! Das ist ja eine Rose!“
„ Ja, die schönste Rose, die ich je porträtiert habe. Und diese Rose sind Sie. So sehe ich Sie, wenn ich Sie anschaue. Wie die schönste aller Blumen.“
Laura lachte. Und sie lachte noch lange. Den ganzen Weg bis zum Pont-Neuf. Zwar war das Lachen nicht mehr ein Lachen. Es war ein Lächeln geworden. Und sie lächelte alle Menschen an. Viele lächelten zurück. Fremde Menschen. Plötzlich fühlte sie sich nicht mehr allein. Die Einsamkeit der letzten Jahre war von ihr abgefallen. Und sie wusste nun, sie musste nicht jugendlich sein, um schön zu sein wie eine Rose.

Nina William 2012


Das Versprechen

Sie sei eine alte Schrulle, erzählten die Leute im Tal. Schon Jahre lang lebe sie da oben, nur selten käme sie ins herunter, und nur für kurze Zeit. Die Zeit, die es brauche, im Dorfladen den Rucksack aufzufüllen. Sie spräche mit niemandem und blicke niemanden an. Das sei ein verrücktes Weib.

Dieses verrückte Weib wollte ich besuchen. Erzählt von ihr hatte mir vor Jahren mein Grossvater. Sonst wollte niemand in meiner Familie etwas von ihr wissen. Mein Grossvater hatte mir erzählt, die Anna hätte wunderbare Gedichte geschrieben, und wäre in der Welt herumgekommen. Und dann, als sie von einer grossen Reise zurückgekommen sei, wäre sie verschwunden. Eben, oben in die Berghütte, weit oben in einem Tal im Kanton Graubünden.
Der Weg war steinig und ich war ausser Atem, als ich auf der Anhöhe ankam, von wo aus ich die Hütte sehen konnte. Ich staunte, wie die Anna da noch so mühelos hinaufstieg in ihrem Alter. Immerhin war sie viele Jahre älter als ich. Die Schwester meines Grossvaters.
Schon von weitem sah ich sie vor der Hütte sitzen. Ich rief: „Anna, Anna“, und schwenkte meine Arme. Sie reagierte nicht. Vielleicht hört sie nichts, dachte ich.
Als ich dann vor ihr stand, schaute sie still auf. Betrachtete mich nur. Sagte nichts.
„Ich bin die Sina, die Tochter von deinem Neffen Jakob“, sagte ich zu ihr und streckte ihr die Hand hin.
Sie rührte sich nicht, sagte nur: „Ich weiss.
„ Aber…“
„Du gleichst ihm“, unterbrach sie mich.
Ich setzte mich neben sie auf die hölzerne Bank. Die Sitzfläche war angenehm gewärmt von der Sonne.
„Warum bist du gekommen?“, fragte sie mich.
„Ich schreibe ein Buch über meine Familie. Und du bist die einzige, die ich nicht kenne. Und die Leute erzählen so viel von dir. Ich wollte dich einfach kennen lernen.“
„ Komm hinein“, sagte sie und erhob sich.
Sie öffnete die Tür ihrer Hütte und trat hinein. Dann ging sie zur Seite und liess mich vorbei.
„Das ist mein Reich“, sagte sie und ein Lächeln überzog ihr Gesicht.
Ich blieb mitten im Wohnraum stehen und fühlte mich sofort in eine andere Welt versetzt.
„Es gibt nur zwei Räume hier, oben mein Schlafzimmer und hier die Stube.“
Ich schaute mich um und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Ich hatte mir vorgestellt, die schrullige Anna würde in einer dunklen, ärmlichen Hütte leben. So jedenfalls hatten die Leute es mir erzählt.
Doch diese Hütte hier oben in den Bergen hatte nichts mit ärmlich und dunkel zu tun. Die Wände waren hell gestrichen und an den kleinen Fenstern hingen gelb-orangefarbene Vorhänge. Den Holzboden schmückte ein beigefarbener Berberteppich, auf dem zwei gemütliche hellbraune Sessel standen.
An den Wänden Bücherregale, gefüllt mit Büchern und mit Dekorationsgegenständen aus aller Welt.
„Ich habe die ganze Welt bereist“, sagte sie, „und jedes Mal habe ich etwas mitgebracht.“
Ich staunte mit offenem Mund.
„Komm, setz dich, willst du etwas trinken, einen Kräutertee vielleicht?“ Ihre Stimme war herzlich und ich verstand nicht, warum die Leute im Dorf unten so seltsame Sachen über sie erzählten.
Anna wartete meine Antwort nicht ab, ging zum Holzherd und setzte Wasser auf. Ich mag Tee nicht, und schon gar keinen Kräutertee, aber ich wollte ihr nicht widersprechen. Und es war auch das erste Mal, dass ich Kräutertee gerne trank.
Sie schlürfte ein paar Schluck aus ihrer Tasse und stellte sie dann auf den Tisch.
„Den habe ich selbst gemacht, alle Kräuter sind von hier oben. Ich gehe nur selten ins Dorf, die Leute sind so grob und gwundrig. Ich gehe nur einmal im Monat unten einkaufen. Käse, Butter, Milch und Honig bekomme ich bei einem Bauern ein wenig weiter unten, du bist bei ihm vorbei gekommen, als du hier herauf stiegst. Das Mehl hole ich im Dorf und backe mein Brot selber, und dann habe ich noch meinen kleinen Garten.
„Hast du denn nie Langeweile hier oben, fühlst du dich nie einsam?“
„ Oh nein“, lachte sie, „einsam? Mit den vielen Büchern? Und den vielen Erinnerungen? Weisst du, ich hatte ein wunderbares Leben. Ich habe so viele Länder bereist, viele Menschen kennen gelernt, so viel gesehen, Schönes, Trauriges.“ Sie schwieg einen Moment und versank in ihre Erinnerungen.
„Wie hast du denn diese Hütte hier gefunden?“ Wunderte ich mich.
Sie nickte zu sich selbst, als erbat sie sich die Erlaubnis, mir ein Geheimnis Preis zu geben.
„Eines Tages kam ich hier herauf. Mit meiner grossen Liebe. Gian, er wollte den Berg da oben besteigen.“ Sie zeigte mit ihrer Hand auf den Piz Palü. Er war professioneller Bergsteiger, er liebte die Berge.“
Sie blickte mich mit feuchten Augen an. "Dreissig Jahre sind es her. Bis hier zu dieser Hütte kam ich mit ihm. Er ist allein weiter gegangen. Gian erreichte den Gipfel nicht. Er ist zu Tode gestürzt.“

Beide schwiegen wir lange. Auch meine Augen waren feucht geworden.
Dann sprach sie weiter. „Ich wollte nie mehr von hier weg. Die Hütte gehörte ihm, und so habe ich Gian hier im Garten begraben und bin für immer bei ihm geblieben.“
Wieder verstummte sie. Doch dann bat sie mich: „Sina, versprich mir, dass nie jemand mich von hier wegholt, auch wenn ich tot bin.“
Ich versprach es ihr. 

Nina William 2012