Nina William Écrivaine

 

Ich habe ein paar Jahre in Afrika gelebt und dort viel erlebt. Schönes, Trauriges, Seltsames, Unvergessliches.

 

 

Die Geburt des Prinzen

Sie war gerade fünfzehn. Schwer fielen ihre prallen Brüste auf ihren großen, gespannten Bauch. Die Wehen kamen immer öfters, und sie war sich nicht sicher, ob sie es bis zum Missionsspital schaffen würde. Sie war auf der Plantage, als es anfing. Es waren keine Frauen in der Nähe. Nur ein alter Mann. Doch sie durfte keine Hilfe von einem Mann annehmen. Das war für sie ein Tabu.

Sie legt ihre Hände um den schmerzenden Bauch und machte sich auf den Weg. Die Sonnenstrahlen brannten auf sie herunter. Schweiß perlte über ihr schwarzes Gesicht. Mit einem Taschentuch strich sie sich von Zeit zu Zeit über die Stirn.

Hinter den Palmen sah sie endlich die roten Dächer der Mission. Die Wehen kamen immer öfters, immer stärker. „Kind“, sagte sie, zärtlich über den Bauch streichelnd, „warte noch, du musst noch warten, nur noch ein paar Minuten.“

Da durchdrang sie ein Schmerz, und ihr schien, das Kind sei ganz tief in sie hineingefallen. „Neeeiiiiin!“ schrie sie so laut wie sie noch vermochte. „Helft mir.“ Sie war verzweifelt. Nein, sie wollte nicht ihr Kind verlieren. Doch sie war ganz allein, allein in der heißen Mittagssonne, und das Kind wollte kommen.

Sie legte sich in den Schatten, die Schmerzen wurden noch stärker, und sie hatte einen unwahrscheinlichen Drang, zu pressen. Sie wusste, dass sie ihr Kind jetzt zur Welt bringen würde. Allein, in der tropischen Mittagshitze, auf dem Boden unter einer Palme. Sie entblößte ihren Unterleib. Das Tuch, das sie um den Kopf gewickelt hatte, legte sie auf den moosigen Boden und kauerte sich darüber. Wieder kam dieser Schmerz, doch diesmal war er schon fast angenehm. Sie sah, wie das Tuch unter ihr nass wurde. Etwas zerriss sie. Dann ein Schrei. Nicht ihrer. Der Schrei ihres Kindes. Sie sah es an. Es war ein Junge. Sie legte sich hin und nahm das klebrige, verschmierte Geschöpf in die Arme. Es hatte die Augen geöffnet. Es wollte die Welt sehen, und die Mutter. Diese lächelte und strich zärtlich über sein Köpfchen: „Du musst noch ein wenig Geduld haben, es kommt noch etwas, dann erst können wir in die Mission gehen.“ 

Sie lagen da, ein paar unendliche Minuten des Glücks. Als jenes „Etwas“ auch noch gekommen war, wickelte sie dieses mit dem Kind zusammen in ein Stück des Tuches, welches sie um ihren Körper gewickelt hatte, und davon sie ein Stück abriss. Einen Moment wollte sie noch ruhen, bevor sie weiter zog. Sie war unendlich glücklich. Der Kleine blickte sie an, und sie glaubte, sein Lächeln zu sehen. „Du bist mein Prinz“, sagte sie und küsste ihn auf die Stirn.
Marie-Jeanne hatte die Schlange nicht gesehen. Sie hatte nicht einmal den Biss gemerkt. Sie hatte nur plötzlich gesehen, wie die Palmen schwankten und die Sonne verschwand und sie hörte die Vögel singen. Paradiesvögel. 

Der alte Mann fand sie, am Boden liegend, das Kind eingewickelt im Arm. Er begriff sofort, was geschehen war, er konnte den Biss am Bein sehen. Er wusste, für Marie-Jeanne konnte er nichts mehr tun. Aber für das Bündel in ihrem Arm.



Die Ruhe der Seele

Elf Jahre war es schon her, seit sie Daniel das Jawort gegeben hatte. Marie-Odile hatte eine kirchliche Zeremonie gewünscht, doch das hatte Daniel vehement abgelehnt. Er hatte sich jedes Mal äußerst seltsam benommen, wenn sie ihn darauf angesprochen hatte. Sie hatte nie verstehen können, warum. Doch sie liebte ihn und war schließlich einverstanden gewesen, sich nur standesamtlich trauen zu lassen. Dachte sie aber heute über die Hochzeit nach, musste sie sich eingestehen, jener Tag war ein seltsamer Tag gewesen, wie alle anderen in den folgenden Jahren auch.

Von Daniels Familie war niemand an die Hochzeitsfeier gekommen. Daniel wollte niemanden einladen. Dies war absolut ungewöhnlich für afrikanische Sitten. Doch Marie-Odile war so verliebt und akzeptierte den Wunsch ihres Liebsten, auch wenn sie dies seltsam fand. Daniel stammte aus dem Süden des Landes. Er sprach nie von seiner Familie. Er sagte nur, seine Eltern wären arm.

Nach der Hochzeit aber wollte Marie-Odile Daniels Familie kennenlernen.
„ Machen wir doch unsere Hochzeitsreise in dein Dorf“, schlug sie vor. Daniel verneinte. Immer wieder versuchte sie, ihn davon zu überzeugen, doch seine Familie aufzusuchen. Die Antwort war immer dieselbe: „Nein.“

Sie freute sich auf Kinder. Vergebens. Sie rechnete, plante, ging von Arzt zu Arzt. Alles war bei ihr in Ordnung. Daniel wollte sich keinem Untersuch unterziehen.
„Das ist unnötig“, sagte er.

So vergingen die Jahre. Elf Jahre. Den Kinderwunsch hatte sie aufgegeben. Doch sie begann wieder, Daniel zu drängen, mit ihr zu seiner Familie zu fahren. Eines Tages gab Daniel nach.
„Gut“, sagte er, „ich will dir endlich deinen Wunsch erfüllen. In ein paar Tagen wirst du meine Eltern und Verwandten kennenlernen. Morgen nehmen wir das Buschtaxi und fahren in mein Dorf.“

Die Reise durch den Urwald dauerte zwei Tage. Die Strasse aus rotem Laterit war in sehr schlechtem Zustand, denn es hatte in der Nacht sehr stark geregnet. Marie-Odile war ungeduldig. Endlich würde ihr Wunsch in Erfüllung gehen, Daniels Familie kennenzulernen. Vielleicht hatte sie auch deswegen keine Kinder bekommen, weil sie nie den Segen seiner Eltern zu ihrem gemeinsamen Leben erhalten hatten, dachte sie.

Nach den zwei Tagen mühsamer Reise kamen sie an einer Weggabelung an. Daniel bat den Fahrer, anzuhalten und ihn aussteigen zu lassen. Zu Marie-Odile sagte er:
„Fahre bitte weiter. Im nächsten Dorf, gleich im ersten Haus wohnen meine Eltern. Gehe schon zu ihnen. Ich habe noch etwas zu tun. Ich muss hier im Urwald einen Freund besuchen.“

Daniel umarmte Marie-Odile und ging davon. Sie setzte ihre Reise fort bis zum nächsten Dorf. Dort stieg sie aus dem von rotem Staub bedeckten Buschtaxi und ging in das erste Haus. Mit einem „Cococo“ klopfte sie an die angelehnte Bambustür. Ein alter, grauhaariger Mann kam an die Tür und bat sie hinein. Drinnen saß eine alte Frau. Die Mutter Daniels. Er sah ihr so ähnlich.
Marie-Odile stellte sich vor:“ Ich bin Marie-Odile, die Frau eures Sohnes Daniel.“
„ Das kann nicht sein“, antwortete der Alte, unser Daniel ist seit fünfzehn Jahren tot.“
„ Nein.“ Marie-Odile schüttelte den Kopf. „Wir sind seit elf Jahren verheiratet und wohnen im Norden des Landes in der Hauptstadt.“

Der Alte erzählte ihr nun vom tödlichen Unfall seines einzigen Sohnes. Marie-Odile zitterte. Sie ahnte das Unfassbare.
„Komm, Marie-Odile, wir gehen miteinander zum Grab.“
Verwirrt folgte Marie-Odile den beiden Alten. Sie liefen über eine Stunde durch den Urwald. Auf einem kleinen Hügel hielten sie an.
„Hier“, sagte der Alte, „hier ist unser Sohn begraben, seit fünfzehn Jahren.“
Marie-Odile schaute auf das Holzkreuz. „Daniel Massamba, gestorben am 15. November 1972“ stand darauf.

„Liebe Tochter“, sagte der Alte zu Marie-Odile, „du warst mit Daniels Seele verheiratet. Sein Körper liegt hier in diesem Grab, ich selbst habe ihn da hinein gelegt. Aber seine Seele bekam keine Ruhe. Sie irrte umher. Sie lebte mit dir. Deshalb wollte er nie mit dir hierherkommen, er wusste, wenn er hierherkommt, wird er dich verlassen müssen, dann wird seine Seele hier ins Grab gehen, und endlich Ruhe finden. Und so ist es jetzt gekommen.“

Marie-Odile schaute auf das Grab, und langsam verschwamm das Kreuz vor ihren Augen.